wallgraben theater moderne unterhaltung drama

Advokat Patelin

37. Rathaushofspiele

Gert Hofmann

Premiere 26.07.2012, 20 Uhr

Dauer ca. 2 h

Regie Regine Effinger

Mit Georg Blumreiter / Peter W. Hermanns / Natalia Herrera-Szanto / Hans PoeschlBurkhard Wein

Musik Sascha Bendiks

Verlag

 

Der bequeme und hoch verschuldete Advokat Patelin verspricht in einem heftigen Wortgefecht seiner Frau ein neues Kleid. Doch woher den Stoff dafür nehmen, wenn nicht stehlen? Mit einer List prellt Patelin den Tuchhändler um den Stoff, aus dem die Träume seiner Frau geschneidert werden sollen. Doch man sieht sich immer zwei Mal:  Vor Gericht soll Patelin Schäfer Lämmlin vertreten, der angeklagt ist, die gesamte Herde seines Herren verspeist zu haben. Der Kläger ist ausgerechnet der Tuchhändler…

 

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Sa, 28. Juli 2012 Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.

von: Bettina Schulte

Der Mensch will betrogen sein

Gert Hofmanns Komödie "Advocat Patelin" bei den Freiburger Rathaushofspiele

  1. Der Anwalt und sein Mandant: Hans Poeschl und Georg Blumreiter in Regine Effingers Inszenierung Foto: maurer

 

 

So soll es sein. Ein Abend wie Samt und Seide, die Stadt summt vor heiter gestimmten Menschen, die im Freien sitzen – und mitten im Treiben der offene Rathausinnenhof mit der ausgeschnittenen bestuhlten Fläche zwischen steil anwachsenden soliden Mauern und dem langsam eindunkelnden Sommerhimmel über den Zuschauerreihen. Bei schönem Wetter gibt es keine bessere Kulisse für ein Theaterspiel – und das Freiburger Wallgraben Theater hat jedes Jahr aufs Neue die Chance, den Sommer mit Sachen zum Lachen dort draußen herumzubringen.

Die 37. Rathaushofspiele sind einer Geschichte gewidmet, die sich die Bühne in ihrer fast 60-jährigen Geschichte schon zum dritten Mal vornimmt. Nach dem (auch finanziell) aufwändigen Musical-Experiment "Der kleine Horrorladen" im vergangenen Jahr setzt man auf ein bewährtes Format: Fünf Schauspieler, viel Situationskomik, ein gut gearbeiteter Text. "Advocat Patelin" spielt in der Epoche, in der die Männer Perücken und entzückende Schnallenschuhe trugen, stammt aber von einem zeitgenössischen Autor. Gert Hoffmann hat in den 1950ern in Freiburg studiert und die Neubearbeitung der französischen "Hammelkomödie" aus dem 15. Jahrhundert für das Wallgraben Theater geschrieben, wo sie 1961 uraufgeführt wurde. Das verpflichtet – zumal Hofmann, der mit seinem wunderbaren Roman "Der Kinoerzähler" erst spät bekannt wurde, nach seinem Tod 1993 in Vergessenheit geraten ist.

Zu Unrecht: In "Advocat Patelin" zeigt sich der Verfasser zahlreicher Hörspiele und Theaterstücke als subtiler Meister des komödiantischen Schlagabtauschs: mit mal feinem, mal derbem Sprachwitz. Sein Protagonist, der über beide, am liebsten in einer Zipfelmütze versteckte Ohren verschuldete Rechtsanwalt Patelin, ist ein Winkeladvokat allerreinsten Wassers – und eine ideale Rolle für den Wallgraben-Mitinhaber Hans Poeschl, der sich diesen charmanten, redegewandten Gauner einverleibt, als sei er ein Stück von ihm. Patelin, der zu Beginn sich in einem überdimensionalen hochgestellten Holzbett ausgiebig dem Büroschlaf hingibt, ist ein Mensch, der die Dinge verbal so hindreht, wie er sie eben braucht. Darin ist der Loser, dessen Ehefrau seit acht Jahren schon kein neues Kleid kaufen kann, Weltklasse. Die Welt, wie Patelin sie sieht, ist ein Potemkinsches Dorf: Lauter Lügengeschichten, die im Gewand der Schmeichelei ihr Ziel allerdings nicht verfehlen. Der Mann kennt nicht nur seinen Aristoteles – aber auch das ist nur ein Gerücht –, sondern erst recht die Schwächen seiner Mitmenschen.

Und so hangelt sich Patelin-Poeschl durchs Leben: Seift erst den Tuchhändler (Burkhard Wein) ein, den er mit sentimentalen Familiengeschichten schwindelig redet, bis er ihm ein Stück blauen Stoffs für die resolute Gemahlin (Natalia Herrero-Szanto) aus den Rippen geleiert hat. Verteidigt dann, im zweiten Akt, den Schäfer Lämmlin gegen den Vorwurf, dieser habe sich 30 Schafe der ihm anvertrauten Herde einverleibt. Zuzutrauen ist das dem feisten Kerl ja schon. Georg Blumreiter aber schaut so begriffsstutzig aus den Äuglein, dass ihn der Anwalt für unzurechnungsfähig erklären möchte. Lämmlein sagt ab sofort nur noch "Mäh" – und Blumreiter führt dem amüsierten Publikum vor, dass man auch mit einem Wort Vollbluttheater machen kann.

Diese beiden sind das Starpaar der von Regine Effinger mit Eleganz und Esprit schlank in Szene gesetzten, von Sascha Bendiks musikalisch mit delikaten Zwischentönen zwischen Barock und Moderne begleiteten Aufführung. Peter W. Hermanns’ Richter setzt dem Gewese über Betrügen und sich Betrügen lassen wollen die Krone auf: Ist der Amtsträger doch weniger an Wahrheit und Gerechtigkeit als an seinem leeren Magen interessiert. Eine abstrusere Gerichtsverhandlung wurde selten gesehen. Eine, die abrupter endet, auch nicht. Ein schönes Sommervergnügen.
– Aufführungen bis zum 2. September.  0761/4968888.