wallgraben theater moderne unterhaltung drama

Faust / Reloaded

Schauspiel nach Johann W. von Goethe

Spielzeit: Februar 2012
Dauer:
ca 80 Min.
Darsteller: Ives Pancera
Regie: Andreas Studnitz

Ein junger Mann sucht  sein Glück im Internet. Ein neues Computerspiel stellt ihm den Kontakt mit einer Schönheit in Aussicht. Doch um an ihre Daten zu kommen muss der junge Mann  sich verschiedenen Gefahren stellen.
Der junge Mann nennt sich Faust, der virtuelle Name der Schönheit ist Gretchen.  Doch die Welt in der sich beide treffen ist eine Scheinwelt. Was ist im Netz real? Kann Faust  sein Gretchen wirklich treffen?

Das Wallgraben Theater zeigt eine moderne Adaption des Goethe-Klassikers von Andreas von Studnitz.


Wallgraben Theater: Faust/ Reloaded. Mit Ives Pancera. Foto: Marvin Maurer

Online Kartenvorverkauf

Badische Zeitung, 27.02.2012 von Heidi Ossenberg

Keine Rettung möglich

"Faust/Reloaded" am Freiburger Wallgraben-Theater . . .


Die Tür des Kühlschranks ist offen, überall liegen Kleidung, halbleere Pizzaschachteln, zerdrückte Getränkedosen. Bücherregale, Tisch oder Stühle, ein Lümmelsofa? Fehlanzeige. Im Zentrum der tiefschwarzen Kellerbühne des Freiburger Wallgraben-Theaters liegt eine unbezogene Matratze auf ein paar Bananenkisten (Bühne: Andreas von Studnitz/Katharina Rauenbusch). In unruhigem Schlaf wälzt sich ein junger Mann darauf herum, eingewickelt in eine Decke. Heinrich erwacht erst, als die Computertastatur laut scheppernd von seinem Körper auf den Boden fällt – aus dem flimmernden Bildschirm schreit ihm eine Stimme amerikanische Werbebotschaften entgegen.
Es dauert länger als eine Viertelstunde in Studnitz’ konzentriertem 60-Minuten-Stück "Faust/Reloaded", bis Darsteller Ives Pancera ein Wort sagt. Verwunderlich ist das nicht, mit wem sollte sein Heinrich auch sprechen? Zwischenmenschlicher Kontakt ist abgeschafft in seiner Welt, die nur ihn und seinen Computer kennt. Körperlose Stimmen gibt es – etwa eine weibliche, die "Heinrich, rette mich!" ruft und die dann auch sichtbar eine Verbindung schafft zwischen dem Bleistiftporträt einer schönen Frau an einer Zimmerwand und dem Computer, aus dem sie tönt: Grell rot-orange wird die Zeichnung angestrahlt, und gleichsam ohnmächtig dem Befehl von Stimme und Licht folgend zwängt sich Heinrich in einen Cyberanzug, verkabelt sich und nimmt endgültig Kontakt auf – zu diesem Frauenwesen, das seine Hilfe braucht in einer Welt, in der Mensch nur noch an der Maschine auflebt, die er bespielt ...

Es ist Studnitz’ eigene Stimme, die Pancera zum interaktiven philosophischen Liebesspiel frei nach Johann Wolfgang von Goethe aus dem Off auffordert: Personenregie der besonderen Art.
In Heinrichs Cyberwelt geht es um Bestrafung und Belohnung: Nur wenn der Jungspund korrekt des Dichterfürsten Verse wiedergibt, so darf er auf einen virtuellen Wortwechsel mit Gretchen hoffen. So ist es zu erklären, dass er mal unbetont, staccatohaft Sätze ausspuckt, Roboterähnliche Bewegungen vollführt. Dann wieder wird Panceras Stimme weich und lebendig, zuckend wälzt er sich auf seinem Bett. Level für Level arbeitet er sich durch den Klassiker – sein Gegenpart ist stets die Computerstimme des Verführers. Die feinen Nuancen beherrscht Pancera, hoch konzentriert und mit eindrucksvoller Bühnenpräsenz ist er bei der Sache. Auch das Zusammenspiel mit den Stimmen ist punktgenau einstudiert – man lässt sich gerne ein auf Goethes mächtige Sätze.
Nur: Studnitz’ Warnung vor Mephistopheles’ Cyberwelt bleibt gänzlich konstatierend. Die Rollen von Gut und Böse sind verteilt, Widerstand zwecklos. Heinrich und Gretchen haben auch hier keine Chance. Fehlen da nicht die Zwischentöne? Wieso Heinrich seine Seele an den Bildschirm verkaufte, ist (leider) gar nicht das Thema. "Ich glaub, ich lese jetzt den Faust nochmal", nimmt sich ein Zuschauer nach der Premiere vor. Reloaden ist nicht alles.–?Weitere Aufführungen: bis 18. März. Karten  07 61/4968888.

 

Kultur Joker März 2012

Take me to a better place

Das Wallgraben Theater zeigt Faust/Reloaded von Andreas von Studnitz nach der Vorlage von Johann Wolfgang von Goethe Der Faust 2012 ist der gleiche wie 1808: Heute wie damals ist er weltfremd, sozial isoliert, hungrig nach Erfahrung. Schlafend liegt er auf seinem Bett, die Tastatur seines Computers fest umklammert. Faust 2.0 ist ein Nerd: Seine Studen- tenbude ist lieblos eingerichtet und mit halbleeren Pizzakartons zugemüllt. Sein Kontakt zu Frauen beschränkt sich auf deren Rolle als Pornodarstel- lerinnen, nebenbei läuft ein Sexfilm. Doch selbst das laute Stöhnen kann Faust nicht recht aus seiner Lethargie reißen. Beherzt fasst er sich in den Schritt – und lässt es sogleich bleiben. Langeweile und Stupidität prägen seinen Alltag: „Und so ist mir das Dasein eine Last, der Tod erwünscht, das Leben mir verhasst.“ Sein Computer thront herr- schaftlich in der Mitte des Zimmers – er ist es, der Fausts Leben bestimmt. Deshalb verwundert kaum, dass daraus die Stimme Gretchens ertönt: „Rette mich!“ Hektisch kramt Faust eine längst vergessene DVD hervor und legt sie ein: „Come to the magnificant world of Faust/Reloaded.“ Das Computerspiel beginnt. Doch was für den lebenshungrigen Protagonisten auf den ersten Blick prächtig erscheint – er kann Gretchen treffen – entpuppt sich als die bekannte Katastrophe. Denn das Spiel ist eingefädelt durch Mephisto: „Ich gebe dir, was noch kein Mensch gesehn.“ Noch bevor der Teufel Faust zu Liebesglück verhilft, besiegeln sie den diabolischen Pakt. Auch der Faust 2.0 scheitert an seiner Verantwortung. Er kann, man ahnt es, Gretchen nicht vor der Tragödie bewahren. Am Ende ist die Bühne in blutrotes Licht getaucht: Sie hat ihr neugeborenes Kind ertränkt. Der Autor und Regisseur Andreas von Studnitz reali- sierte ein subtiles Ein-Personen-Kammerstück. Der Originaltext ist stark auf eine Stunde Spielzeit gekürzt; die Handlung auf das Minimalste reduziert. Nur die Dialoge zwischen Faust und Mephisto sowie Gretchen bestimmen das Geschehen. Alles spielt sich in- nerhalb eines Computerspiels auf einem für das Publikum nicht sichtbaren Bildschirm ab. Umso mehr sticht die schauspielerische Leistung von Ives Pancera (Faust) hervor. Über so manch langatmige Szene trägt der Schweizer durch eine präzise Mimik hinweg und schafft damit, die Phantasie des Publikums anzuregen. Faust steht die emotionale Überwältigung wahrhaft ins Gesicht geschrieben, als er Gretchen zum ers- ten Mal sieht. Mit Faust/Reloaded ist eine moderne Adaption des Klassikers von Goethe gelungen – in Zeit- und sozialkritischem Ge- wand. Was vor gut 200 Jahren den Typus des Wissenschaftlers verkörperte, ist heute der Computerfreak, der die Welt da draußen gegen den virtuellen Kosmos ausgetauscht hat. In Goethes Faust steht der Mephisto für die Verführungen des Lebens; in Faust/Reloaded stellt er die Verlockung dar, die vom Computer und dem Internet ausgehen – 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Dabei will die virtuelle Welt das bieten, was in der Realität nicht möglich ist. Sie verspricht uns, besser zu sein, glanzvoller und interessanter. Am Ende ist sie dumpfer, abstrakter, in Watte gepackt. Die Hausproduktion des Wallgraben Theaters greift ein aktuelles Thema auf, wirkt in ihrer Botschaft aber zu dramatisch. Es mag Computermiss- brauch durch Einzelne geben, ein gesellschaftliches Problem liegt deshalb noch nicht vor. Es überwiegen die Vorteile der elektronischen Revolution – ein mündiger Gebrauch vorausgesetzt. Dass dieser erlernt sein will, ist unbestritten. Deshalb bietet das Wallgraben Theater zusätzlich ein kulturpädagogisches Projekt für Schulklassen an. Weitere Vorstellungen vom 28.2.-18.3., Wallgraben Theater Freiburg. Elisa Makowski