wallgraben theater moderne unterhaltung drama

Auf dem Land

Drama von Martin Crimp



Spielzeit: Nov 2011
Dauer: 1 Stunde, 50 Minuten, inkl. Pause

Darsteller: Regine Effinger, Susanne Henneberger & Maximilian Wigger
Regie: Andreas von Studnitz
Verlag: rowohlt-Theaterverlag

 

Richard und Corinne sind mit ihren Kindern aufs Land gezogen – dort wird alles gut, hofft Corinne. Denn es kriselt schon lange. Eines Abends bringt Richard eine junge bewusstlose Frau nach Hause. Als Arzt musste er seiner Fürsorgepflicht nachkommen, sagt er. Doch die junge Frau entpuppt sich als seine langjährige Geliebte. Und so bricht das Unglück, das in der Stadt seinen Anfang genommen hat, auch auf dem Land über Richard und Corinne herein.

Selbstbetrug, Verrat und Einsamkeit haben an der Stadtgrenze nicht Halt gemacht …


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R. Effinger und M. Wigger

R. Effinger und M. Wigger

M. Wigger und S. Henneberger

M. Wigger und R. Effinger

Fotos von Marvin Maurer

 

Badische Zeitung, 12.11.2011:

Die Illusion perfekter Liebe

Andreas von Studnitz inszeniert am Wallgraben Theater das düstere Drama "Auf dem Land".

Zur Pause rührt sich keine Hand. Nur zögerlich verlassen die Zuschauer ihren Platz im Kellergewölbe des Wallgraben Theaters. Man muss sich losreißen, bewusst die Unterbrechung zulassen, die das Stück an dieser Stelle vorgesehen hat. Applaus scheint nicht angebracht. Den bewahrt sich das Premierenpublikum von "Auf dem Land" für das Ende auf. Um die Schauspielerleistung abschließend gebührend zu würdigen – der düstere Inhalt dieses Dramas hingegen wird sich noch für einige Stunden in den Eingeweiden herumtreiben.
Der britische Dramatiker Martin Crimp beschreibt in seinem im Jahr 2000 uraufgeführten Kammerspiel für drei Personen einige Stunden im Leben von Corinne und Richard. Das Ehepaar ist gerade von der Stadt aufs Land gezogen. Um die Kinder in gesunder Luft aufwachsen zu lassen? Um Stress und Hektik auszuweichen? Weil es in der umgebauten Getreidescheune mehr Platz gibt als in der Stadtwohnung? Man weiß es nicht – und Regisseur Andreas von Studnitz macht auch nicht den Fehler, dieses Stück mit Erklärungen noch weiter aufzuladen. Was ist, das ist.

Zu Beginn von "Auf dem Land" sitzen der Arzt Richard und seine Frau Corinne gemeinsam an einem Tisch. Das Publikum schaut durch ein riesiges Panoramafenster auf diese sparsam erleuchtete Szene. (Bühne und Licht: Ralf Hämmerle/ Jann Warzecha) Doch spürbar ist: Traute Gemeinsamkeit ist anders. Das Paar plaudert nicht, eher verhört es einander. Die Nerven liegen blank – von Anfang an. Richard hat eine bewusstlose junge Frau ins Haus gebracht, die er angeblich in einem Straßengraben gefunden hat. Wieder rätselt der Zuschauer, ob das, wie Richard behauptet, ein gebotener Akt der Menschlichkeit war – zumal für einen Arzt – oder ob das diffuse Misstrauen, dass Corinne in jede Bemerkung, jede Frage streut, gerechtfertigt ist.
Es ist gerechtfertigt – und nicht nur der jungen Rebecca wegen, die lange schon mit Richard ein Verhältnis hat, wie sie Corinne in einer der Szenen, die stets in Dunkelheit enden, erzählt. Bei Susanne Henneberger ist sie eine kluge, eine lässige Geliebte, die vor allem ihre körperlichen Reize einzusetzen weiß. Viele menschliche Abgründe tun sich im Laufe des Stückes auf und drücken aufs kollektive Gemüt. Ist ein Arzt, nur weil er diesen Beruf ausübt, moralisch integer? Ist eine Geliebte, nur weil sie jung und attraktiv ist, auch einfältig und bösartig? Was passiert mit zwei Menschen, die verzweifelt an einer Ehe festhalten, obwohl die Gefühle füreinander längst über Bord gegangen sind? "Liebst Du mich nicht?", fragt Corinne. "Ich will Dich nicht küssen", antwortet Richard. Was macht die Liebe – oder das, was wir dafür halten – doch manchmal für arme Würstchen aus uns!
Maximilian Wigger spielt so ein Würstchen. Stattlich von Gestalt, aber von erbärmlicher Haltung. Ein männliches Wrack, mit kleinen Gesten und präziser Mimik perfekt dargestellt. Regine Effingers Corinne ist nicht minder überzeugend. Sie vermag Verzweiflung und Einsamkeit dieser ungeliebten Ehefrau so in Stimme und Körperhaltung zu übersetzen, dass einem ein dicker Kloß im Halse wächst. Als Richard seiner Frau ein paar rote Lack-High-Heels schenkt und sie – Begeisterung vortäuschend – vorsichtig darin über den Tisch stakst, sich einem jungen Mädchen anverwandeln will, da wird klar: Der Ausweg der beiden ist es, die perfekte Liebe vorzutäuschen. Trotz der mit viel Beifall bedachten Ensembleleistung geht man ernüchtert in die kalte Novembernacht.

Heidi Ossenberg